Das P-Seminar „Oral History“ zu Besuch in der Kellergasse Wunsiedel - Geschichtsunterricht anschaulich & konkret

Kellergasse ImKeller P SeminarMit großem Interesse machten sich die Teilnehmer des P-Seminars „Oral History“ vom Luisenburg-Gymnasium Wunsiedel unter der Leitung von Frau OStRin Martina Blickling auf den Weg in die Kellergasse auf dem Wunsiedler Katharinenberg. Die 13 Schüler der Q11 wollten die „Unterwelten“ ihrer Schulstadt erforschen. Sie trafen sich dazu mit Stefan Schürmann vom Wunsiedler Landratsamt und dem Zeitzeugen Willi Limmer, um mehr über die Geheimnisse dieser historischen Gasse und ihrer versteckten Winkel erfahren.
Die künstlich geschaffenen Höhlen waren bereits im 19. Jahrhundert zwischen 1830 und 1860 erbaut worden. Die tief in den Berg gegrabenen Keller waren ursprünglich für die Kühlung von Lebensmitteln, insbesondere von Bier, angelegt worden, wobei die kürzeren hangabwärts gelegenen Höhlen aber auch zur Lagerung von Kartoffeln dienten. Für viele Familien war dies die einzige Möglichkeit Lebensmittel über einen längeren Zeitraum frisch zu halten. Später, als die ersten elektrischen Kühlmaschinen eingeführt wurden, wurden die Keller dann nach und nach aufgegeben. Bis heute erkennt der aufmerksame Beobachter aber noch Relikte der Vergangenheit. An einer Stelle ist noch immer die Eingangstreppe zu einem Bierausschank, der im Sommer oberhalb der Keller eingerichtet war, zu erkennen. Die meisten Keller sind aber bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts ungenutzt und sind teilweise stark verfallen. Einige dieser Keller werden aber von Fledermäusen als Quartier und wichtigen Rückzugsraum zum Überwintern gebraucht und rege genutzt. Ein geplantes Sanierungskonzept hat das Ziel, die eingestürzten und zerstörten Höhlen zu renovieren und möglichst vielen interessierten Gästen zugänglich zu machen und sie für die Nachwelt zu erhalten, wobei natürlich auch an die Erneuerung der Fledermaus-Nistplätze gedacht werden muss. Da die Keller denkmalgeschützt sind, hofft Herr Schürmann, dass das Projekt europäische Fördermittel erhält.
Herr Willi Limmer erzählte aber vor Ort auch sehr anschaulich, welche Kindheitserinnerungen er mit der Kellergasse verbindet. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Keller als Luftschutzbunker genutzt. Jeder Straße in Wunsiedel war ein Keller zugeteilt; für die Familie von Herrn Limmer war es Keller Nummer 3. Auch wenn es während des Krieges in Wunsiedel keine direkten Luftangriffe gab, so mussten die Bewohner bei Bombenalarm sich schnellstmöglich zu den Kellern aufmachen und sich dort beim „Kellerwart“ melden. Der Weg dorthin war meistens beschwerlich, da die Bombenangriffe meist nachts erfolgten, aber jegliches Licht in Wunsiedel verboten war, um den feindlichen Fliegern kein Ziel zu bieten. Dort angekommen hieß es dann, regelmäßig mehrere Stunden in Ungewissheit bei spärlichem Kerzenschein in den kalten, feuchten und modrigen Kellern zu verbringen. Er erinnerte sich sehr gut daran, dass nur einfache Bretter, auf den Boden gelegt, Decken und Verpflegung, die man sich von zu Hause mitbrachte, und das gegenseitige Geschichtenerzählen die Zeit halbwegs erträglich gemacht haben. Die Türen der Keller wurden vom „Kellerwart“ erst wieder geöffnet, nachdem es „Entwarnung“ gegeben hat.
In der naheliegenden Landesjagdschule, die das Seminar netterweise für den zweiten Teil ihres Zeitzeugengespräches benutzen durfte, hatten die Schüler dann die Gelegenheit auch weitere Fragen zu stellen, die die Zeit um 1945 betrafen. Herr Limmer erzählte auf Nachfrage zum Beispiel, dass er an dem Tag als der Todesmarsch der KZ-Häftlinge durch Wunsiedel stattfand nicht in Wunsiedel war. Seine Mutter kam aber am selben Tag abends nach Hause und war ganz verstört von ihrem Erlebnis. Sie sah gebrechliche Menschen, die ihre verstorbenen Kameraden auf einem Leichenwagen hinter sich her zogen. Ein Schüler fragte, wie Herr Limmer das Ende des Krieges mitbekommen habe. Er erzählte, dass am 19.04.1945 die Amerikaner in Wunsiedel einmarschiert sind. Eine letzte Anordnung des örtlichen Bürgermeisters war es, Panzersperren aus Bäumen auf den Straßen zu platzieren. Es erging auch der Befehl, kurz vor dem Eintreffen der feindlichen Truppen sämtliche Brücken zu sprengen, wie zum Beispiel die Schlachthofbrücke. Die Amerikaner wurden davon jedoch nicht aufgehalten, und durch die zeitige Kapitulation der Stadt blieb Wunsiedel vor Schlimmerem verschont. Man konnte aber beobachten wie amerikanische Artillerie von Wunsiedel aus Marktredwitz beschossen hat. Er erinnert sich noch lebhaft an das Gefühl der Unsicherheit, als der Krieg vorbei war, und die Frage im Raum blieb, wie es mit Deutschland weitergehen sollte und was passieren würde.
Die Seminarteilnehmer waren beeindruckt von den klaren Erinnerungen von Herrn Limmer, obwohl diese Zeit jetzt schon über 70 Jahre zurückliegt. Sie hoffen, dass sie durch ihr Interesse am Projekt „Kellergasse“ und das Zeitzeugengespräch ihren Beitrag dazu leisten, die abwechslungsreiche Geschichte des Ortes und die Notwendigkeit ihn zu erhalten ins öffentliche Bewusstsein zurückrufen.
Die Kursteilnehmer des P-Seminars „Oral History“

Kellergasse ImKeller P Seminar

Herr Schürmann zeigt den Schülern einen der Keller

Kellergasse P SeminarLimmer Gruppenbild

Das P-Seminar „Oral History“ mit Willi Limmer (Mitte)

   

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