wiedervereinigung interview

Wie kocht man eine Kiwi?“

Robert Ide (42) ist Ressortleiter Berlin/Brandenburg beim „Tagesspiegel“. Der Autor des Buches „Geteilte Träume: Meine Eltern, die Wende und ich“ gilt als Experte für Fragen der Wiedervereinigung.

Herr Ide, waren Sie schon einmal in Wunsiedel?

(lacht) Nein, offen gestanden war ich noch nie im Fichtelgebirge. Aber ich weiß, dass die Region nahe an der Grenze lag. Auf DDR-Seite galten für diese Landstriche ganz besonders strenge Sicherheitsauflagen. Zum Teil wurden Menschen, von denen man geglaubt hat, sie könnten „rübermachen“, sogar umgesiedelt.

Sie waren 14, als die Mauer fiel. Wie erlebt ein junger Heranwachsender diese stürmischen Zeiten?

Ich habe sehr viele tolle Erinnerungen an diese Zeit, auch an die Tage nach dem Mauerfall. Von unserem Begrüßungsgeld wollten wir eine Kiwi kaufen – ich war als Kind unheimlich scharf darauf. Meine Mutter hat also den türkischen Gemüsehändler gefragt, wie man so eine Kiwi denn jetzt kochen müsse. Der Gemüsehändler bekam sich gar nicht mehr ein vor Lachen, so wie ihr jetzt. Dann hat er uns Kiwis geschenkt, zum Üben. Seitdem esse ich gerne Kiwis.

Haben Sie sich schnell integriert gefühlt. Oder ist das Stigma „Ost“ lange haften geblieben?

Die Prozesse waren schon langwierig. Auch in meiner Familie sind viele schnell arbeitslos geworden. Meine Mutter hatte bei „Interflug“ gearbeitet, der DDR-Fluggesellschaft. Die wurde abgewickelt, also dichtgemacht. Das hätte man auch anders machen können, aber die Lufthansa wollte die Konkurrenz auch nicht unbedingt. Wir mussten dann ein völlig neues Land kennen lernen. Von der DDR übrig geblieben ist ja kaum etwas außer dem Stasi-Unterlagengesetz, wonach man erstmals Akten einsehen kann, der Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs, der die Entscheidung der werdenden Mutter überlässt, und dem Ampelmännchen. Andere Dinge, die im Osten normal waren, geraten erst jetzt wieder in die Debatte, zum Beispiel die ganztägige Kinderbetreuung


Und Angela Merkel…

Stimmt! Die Art wie Merkel regiert, ist in gewisser Weise ostdeutsch: abwarten, moderieren, zunächst einmal gucken, wie sich die Dinge entwickeln. Dieser zurückhaltende Führungsstil ist ja das Gegenteil von ihrem westdeutschen Vorgänger Gerhard Schröder, der die Dinge durchgebollert und einfach „Basta!“ gesagt hat. Es gibt immer mehr ehemalige DDR-Bürger in Führungspositionen, die vielleicht eher auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter schauen. Das sind natürlich Klischees, aber ein bisschen was dran ist schon, finde ich.

Wie ging es denn in der Schule nach der Wiedervereinigung zu?

Da herrschte erst einmal Anarchie. Wir haben den Lehrern ja kein Wort mehr geglaubt! Plötzlich waren die in einer Position, in der sie sich rechtfertigen mussten. „Was habt ihr uns denn damals erzählt?“, haben wir gefragt. Für die Lehrer war das natürlich hart. Manche haben sich schnell angepasst und zu uns gesagt: „Das ist eure Zeit! Macht etwas draus!“ Leider hat sich später herausgestellt: Der beste von denen war früher bei der Stasi.

 

 

 

Was hat sich inhaltlich alles in der Schule verändert?

Alles! Aber wir haben zunächst gar nicht so viel Stoff behandelt, sondern mussten erst einmal Demokratie lernen. Was bedeutet das eigentlich? Plötzlich sollten und durften wir diskutieren, das war wahnsinnig spannend für uns. Fahnenappelle gab es ja nicht mehr.

Wollten Sie auch aufgrund dieser Erfahrungen Journalist werden?

Naja, eine Schülerzeitung hatte ich in der DDR schon produziert. Kopierer gab es damals nicht, weil die DDR-Spitze Angst davor hatte, dass die Opposition vielleicht Flugblätter verbreitet. Also habe ich per Hand eine Schülerzeitung geschrieben und diese im Klassenzimmer aufgehängt. Eine Umfrage unter meinen Mitschülern über das schlechte Essen in der Schule hat mir sofort Ärger mit der Direktorin eingebracht, denn Umfragen durfte man in der DDR nicht durchführen.

Ihre Rolle als Journalist hat sich ein wenig verändert…

(lacht) Das kann man so sagen. Ich mag meinen Beruf sehr und denke, dass wir eine große Verantwortung tragen. Wir müssen die Entscheider kontrollieren, gerade als wichtigste Zeitung Berlins. Ein Beispiel ist der immer noch nicht fertige Berliner Flughafen: Die Politiker denken vielleicht, wir würden irgendwann aufhören, über diesen Schlamassel im Detail zu berichten. Aber nein: Wir hören nicht auf! Weil hier Steuergelder verloren gehen. Wir sind auf der anderen Seite, wir sind für den Bürger da, für den Leser, für den User.

 

Das Gespräch führten die Schülerinnen und Schüler der Klassen 10a und 10E des Luisenburg-Gymnasiums Wunsiedel.

 

 

 

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Das Gespräch führten die Schülerinnen und Schüler der Klassen 10a und 10E des Luisenburg-Gymnasiums Wunsiedel.

   

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