DDR Zenner 2018 1Der Euro, und nicht die Sehnsucht nach der D-Mark. Urlaub auf Mallorca oder doch in Italien? Bananen, Tomatenketchup oder das neueste Parfüm. – All das sind Selbstverständlichkeiten im Leben der Jugendlichen im Jahr 2018.

Rainer Zenner, 1950 in Falkenstein im nahen Vogtland geboren, bot den Schülern der Q12 des Luisenburg-Gymnasiums einen persönlichen Einblick in eine völlig andere Welt: die Alltagswelt der DDR. Er zeigte ihnen, wie politische Entscheidungen des kommunistischen Regimes das Leben seiner Familie beeinflusst, ja auch zerstört haben und seine Biographie maßgeblich veränderten, aber auch wie seine Diktatur-Erfahrungen ihn bis heute prägten und ihn zu einer tiefen Abneigung und Misstrauen gegenüber totalitären Strukturen führten. Freiheit – persönliche und politische – ist für ihn daher das wichtigste Gut, das es unter allen Umständen zu verteidigen gilt.

Ereignisse und Fakten der DDR-Historie dienten Rainer Zenner als roter Faden für seinen Vortrag, die er mit persönlichen Beobachtungen und Erlebnissen illustrierte und zum Leben erweckte. Gleich zu Beginn zeigte er die Folgen, die die kommunistische Ideologie hatte, war Rainer Zenner durch seine Herkunft als Sohn eines Fabrikbesitzers und evangelischer Christ gleich doppelter Außenseiter im kommunistischen "Arbeiter und Bauernstaat". Besonders seine Entscheidung, das Symbol der "Jungen Gemeinde", einer parteiunabhängigen christlichen Jugendbewegung, auch in der Öffentlichkeit zu tragen, führte dazu, dass ihm seine Promotion durch ein SED-Gremium verweigert wurde. Besonders schockierend fanden es die Schüler, dass ein – linientreuer – Kommilitone seine bereits verfasste Promotionsarbeit für sich in Anspruch nahm und aufgrund dessen bis heute seinen Doktortitel tragen darf.

Der Unterschied zwischen offizieller Propaganda und erlebter Realität in der DDR zeigte sich insbesondere, als Herr Zenner davon erzählte, wie tief sich bei ihm die Erinnerungen an den Mauerbau 1961 eingeprägt hatten. Er war 11 Jahre alt, als er zufällig zu Besuch bei einem Cousin in Berlin war und erlebte, wie verzweifelt und erschüttert die Menschen waren, als der sog. "antifaschistische Schutzwall", von dem DDR-Regime angeordnet, über Nacht Ost- und Westberlin trennte.

Auch die Enteignungswelle von Privatbetrieben in den 1970er Jahren hinterließ tiefe Spuren in der Familie: Der väterliche Betrieb musste zu einem Spottpreis an den Staat „verkauft“ werden. Er selbst war in dieser Zeit in einer viel absurderen Situation, musste als Mitglied einer offiziellen studentischen Enteignungskommission unter der Woche Enteignungen durchführen, während er am Wochenende in Gesprächen mit der Familie auf der Opferseite war. Dies zeigte eindrucksvoll, wie weit die Abspaltung von offizieller Haltung und innerem Empfinden bei vielen DDR-Bürgern gehen musste, um in dem System überleben zu können. Zenners persönliche Geschichte gipfelte darin, dass derselbe Funktionär, der die Enteignung seines Vaters durchführte, nach der Wende über die Zurückgabe des enteigneten Betriebs verhandeln wollte.

1988 entschied er mit seiner Familie, einen Ausreiseantrag in den Westen zu stellen. Um die Chancen der Ausreise zu verbessern und keinen Repressalien ausgesetzt zu sein, kündigte er als amtierender Direktor in dem VEB, in dem er seit 1974 gearbeitet hatte, und arbeitete als Regaleinräumer in einem Konsum. Auch wenn er diese Zeit als irgendwie befreiend empfand – er hatte nichts mehr zu verlieren -, sah er jedoch auch, wie weit Nachbarn, Freunde, ehemalige Kollegen und Lehrer seines Sohnes gingen, um seine Familie auszugrenzen. Neben der sozialen Ausgrenzung war die Familie auch jahrelang unter Stasi-Beobachtung durch einen IM, der regelmäßig Berichte schreiben musste; langweilige Berichte über alltägliche Nichtigkeiten, in Ermangelung von großen Nachrichten. Trotz klarer Beweise über die Identität des IM, einen guten Freund der Familie, leugnet dieser bis heute seine Rolle als Teil des Unterdrückungsapparates des DDR-Regimes.

Nach dem eindrucksvollen und faszinierenden Vortrag war Zeit für Nachfragen durch die Schüler, was sie ausgiebig nutzten. Sowohl genauere Nachfragen zu Zenners persönlicher Lebensgeschichte und seiner Ausreise, als auch zur aktuellen Situation in Sachsen zeigten das tiefe Interesse der Schüler. Es kam zu einem lebhaften Gespräch, bei dem nicht nur die Geschichte der DDR und das persönliche Schicksal von Herrn Zenner im Mittelpunkt standen, sondern auch die Erinnerungskultur in der DDR und die Geschichtserinnerung an die DDR und seine Einschätzung, wie sich die jahrzehntelange kommunistische Diktatur bis heute in den neuen Bundesländern auswirkt.

Martina Blickling

 

 

   

Luisenburg-Gymnasium Wunsiedel

Burggraf-Friedrich-Str. 9

95632 Wunsiedel

 

Tel.: 09232 / 9904 -0

Fax.: 09232/9904-150

e-mail: gymnasium@lugy.de

 

Anfahrt

   
© Luisenburg-Gymnasium